Das sagt die Presse über uns

Süddeutsche Zeitung, 7. Oktober 2019

Wie aus alten Harley-Teilen eine Espressomaschine entsteht

Von Peter Haacke, Fotos: Nila Thiel

In einer Werkstatt am Starnberger See baut Manfred Buchner unverwüstliche Haushaltsgeräte aus alten „Knucklehead“-Motoren. Ihr Preis hat es in sich und verkauft hat er bisher noch kein Exemplar.

Kaffee ist Kult. Vor allem dann, wenn er in seiner italienischen Variante als Espresso serviert wird. Doch entscheidend für den Genuss ist die Zubereitung. Ob Espresso, Caffè Macchiato, Cappuccino oder Caffè Latte: Heißes Wasser muss unter Druck durch ein feines Sieb mit erlesenem Kaffeepulver gepresst werden. Am besten gelingt das mit einer Maschine, die es in großer Designvielfalt in unterschiedlichsten Preislagen zu kaufen gibt. Doch so schön die Geräte auch aussehen – eine Schwachstelle haben sie immer, irgendein Bauteil ist fehleranfällig. Das ist jedenfalls die Erfahrung von Manfred Buchner aus Possenhofen, der die „Da Vincie Motormaschine“ ersonnen hat. Augenfälligste Bestandteile seines ultimativen Geräts sind ein Harley-Davidson-Motor und ein Bike-Scheinwerfer.

„Ein echter Espresso widerlegt das Vorurteil, Genuss hätte etwas mit Länge zu tun“, ersannen einst clevere Marketing-Strategen als Werbeslogan im Auftrag einer Firma, die den Kaffee liefert. Für Buchner beginnt der Genuss jedoch bereits bei der Zubereitung. Oder vielmehr bei der Espressomaschine. „Wir haben aus einem Harley-Motor eine Espressomaschine der Profi-Liga gebaut“, verkündet Buchner selbstbewusst auf seiner Homepage. Ausgestattet mit selbst entwickelten Komponenten „und dem Besten, was der Markt zu bieten hat“, treffe „kompromisslos die beste Technik auf einzigartiges Design“. Motorrad-Freunde dürften jedenfalls ihre helle Freude an dem 45 Kilogramm schweren Gerät mit dem charakteristischen V2-Motor haben, den die amerikanische Harley-Davidson-Motor-Company von 1936 bis 1948 verbaute. Enthusiasten gilt die Knucklehead noch heute als „die“ klassische Harley schlechthin.

Doch im Zwischenraum der mächtigen Zylinderblöcke, wo sonst Benzin und Luft im Vergaser zu einem explosiven Gemisch aufbereitet werden, stechen bei Buchners Maschine verchromte Armaturen, die Brühgruppe und das Druckmanometer ins Auge. Martialisch sieht sie aus, die „Motormaschine“: Vorne am Gehäuse leuchtet ein Motorrad-Scheinwerfer, hinten gibt ein Schauglas den Blick auf den Druckkesselbehälter und die Technik des Zweikreis-Systems frei. Ein Kreislauf ist für Heißwasser zuständig, einer für heißen Dampf. „Es funktioniert und es ist gut“, sagt Buchner. „Aber es ist noch nicht fertig: Es gefällt mir nicht.“

Den Hang zur Perfektion zeichnet den Bastler und Tüftler seit jeher aus. Früher fertigte der bekennende Biker, Jahrgang 1964, in seiner kleinen Werkstatt Custom-Bikes. Als erstes baute er sich selbst „seine“ Harley auf, es folgten Kundenaufträge. Aus gewöhnlichen Maschinen entstanden dabei handgemachte Kunstwerke, die in der überschaubaren Motorrad-Szene für individuelle Umbauten Widerhall fanden. 2005 ersann er etwa ein Luftfiltergehäuse mit Bullauge, „das gab’s bis dahin nicht“. Und auch Öltanks mit Blick aufs Innenleben entstanden in Possenhofen – ebenso wie handgemachte Sättel und Taschen. Doch die Zeiten sind vorbei, weiß Buchner. Viele Hersteller bieten ihren Kunden mittlerweile so viel Zubehör als Sonderausstattung an, dass sich jeder Käufer quasi schon von der Stange sein individuelles Moped zusammenbasteln lassen kann.

Jetzt also Espressomaschinen. Auf die Idee kam Buchner gemeinsam mit seinem Freund Chris, der immer fluchte beim Reparieren von Kaffeeautomaten, die ihren Geist aufgegeben hatten. „Wenn’s dich so nervt, dann bauen wir doch ’ne eigene“, beschloss Buchner, der auf profunde Erfahrung als Gas- und Wasserinstallateur aufbauen konnte. „Die Hersteller verbauen an irgendeiner Stelle Mist“, weiß Buchner, der es technisch-funktional besser machen will als bei den schönen Design-Objekten, die es sonst so zu kaufen gibt. Zum Einsatz kommen ausschließlich hochwertige Teile, die er zur Not auch selbst herstellt.

Etwa 50 000 Euro habe die Entwicklung der drei Prototypen gekostet, die laut Buchner derzeit „geschunden werden“, bislang aber keine Schwachstellen offenbarten. Allerdings sei der nur zwei Liter fassende Wasserkessel zu klein. Und auch der Unterbau unter der Brühgruppe gefällt dem fünffachen Familienvater noch nicht: Ihm schwebt für unterschiedlich hohe Tassen und Gläser ein schwenkbarer Arm vor. „Das muss schon perfekt sein, das Ding“, sagt Buchner, zumal die „Motormaschine“ zwei Jahre Garantie haben soll.

Verkauft hat Buchner bislang noch keine einzige seiner rustikalen Espressomaschinen, obwohl es bereits 20 oder 30 Vorbestellungen gibt. Wahlweise in Matt oder Chrom sollen die exklusiven Teile in den Ausstattungsvarianten „Basic“, „Classic“ oder „Classic Licht“ zwischen 8990 und 10990 Euro kosten; die Top-Version „Chrom Classic Licht PID“ gibt’s mit Wahlschaltern für unterschiedliche Getränke. Ob es dabei bleibt, ist fraglich. Denn einem Milliardär etwa, der eine sündhaft teure Yacht im Hafen von Mallorca besitzt, wäre das wohl zu billig. Frühestens vom Spätherbst an soll die „Espresso-Motormaschine“ aber zu haben sein. Wer denn noch eine Harley Davidson mit Knucklehead-Motor besitzt, wäre zumindest im Hinblick auf einen defekten Zylinderblock gewappnet: „Den Motor könnte man zurückbauen“, sagte Buchner. „Wenn man das will.“

Verbraucht weder Benzin noch Öl, sondern Wasser und Espressopulver: Manfred Buchners „Motormaschine“

Die „Motormaschine“ gehört zu den ungewöhnlich designten Siebträger-Geräten auf dem Markt

Buchner vor seiner als „Man Cave“ getarnten Espresso-Maschinen-Manufaktur

Merkur, 30. Januar 2020

Irre Erfindung: Oberbayer bastelt aus Harley-Motoren hochwertige Espressomaschinen

Tobias Gmach, Foto: Andrea Jaksch

Manfred Buchner baut Espressomaschinen im Harley-Motor-Design. Ein Besuch bei einem leidenschaftlichen Schrauber – und einem Mann mit Prinzipien, der oft Kaffee bestellt, ihn aber selten austrinkt.

Possenhofen – Eine große Weltkarte, eine knallrote Zapfsäule, ein Bild der Mutter Jesu, eine Shovel-Harley, bunte Nostalgie-Blechtafeln mit alten Motorrädern: Blickfänge gibt es in Manfred Buchners Werkstatt in Possenhofen genug. Und trotzdem bleibt man an den Prototypen, ganz hinten links in dem schlauchartigen Raum, hängen. Harley-Motor und Espressomaschine? Es dauert schon einige Sekunden, beides in Gedanken zusammenzubringen. Buchner schafft das in der Realität: Er baut „Espresso-Motormaschinen“.

Der 55-Jährige mit dem weißen Vollbart hat sich unter anderem seinen Lieblingsmotor tätowieren lassen. Mit dem „Knucklehead“ auf dem Handrücken sagt der leidenschaftliche Harley-Schrauber: „Der eignet sich unfassbar gut für Kaffeemaschinen.“ Nachdem er instrumentale Entspannungsmusik aufgelegt hat, macht Buchner Cappuccino. Mit seinen kräftigen Fingern dosiert er sanft das Pulver, eine Prise mehr oder weniger verändere so viel. Am imposantesten sind vielleicht die beiden schwarzen Zylinder des Knucklehead-Motors, zwischen denen eigentlich der Vergaser sitzt. In diesem Fall sitzt dort aber die verchromte Brühgruppe der Kaffeemaschine. Das Druckmanometer erinnert an einen Tacho, die Tassen liegen im einseitig geöffneten Tank.

Espresso-Motormaschinen vom Starnberger See – die Stück ist massiv und filigran zugleich

Massiv und gleichzeitig filigran erscheint das Designerstück, das Buchner gerne für 10.000 Euro anbieten würde. Aber das funktioniert in der Praxis nicht. „Die Herstellung kostet noch zu viel“, sagt er. Auf der Internetseite seiner Ein-Mann-Firma „Da Vincie Motors“ bietet er die Motormaschine für rund 19.990 Euro an. Aber nicht jedem: „Wer eine will, muss sich bei mir bewerben“, betont Buchner. Er will überzeugt werden. Er will, dass seine Arbeit in guten Händen ist. Er will „kein seelenloses Serienprodukt“ für jemanden bauen, nur weil es sich derjenige leisten kann. Buchner bezeichnet sich als „Customizer“. Heißt: Er stellt nur Maßanfertigungen her – das gilt auch für die Motorräder. Er hat einen Namen in der Szene. „Einmal wollte jemand, dass ich ihm einen E-Starter in seine Harley einbaue. Damit möchte ich nichts zu tun haben. Ich habe ihn wieder heimgeschickt. Eine Harley wird gekickt.“

Buchners Erscheinung und auch seine direkte Art flößen Respekt ein. Man merkt, dass er ganz genau weiß, was er will – spätestens seitdem er den Krebs vor etwa drei Jahren besiegt hat. „Ich musste herausfinden: Für was lebe ich eigentlich?“, sagt er. Die Antwort war klar: einerseits als fünffacher Vater mit elfjährigen Drillingen für die Familie, andererseits für die detailversessene Arbeit in der Werkstatt. „Sechs Tage buckeln“ will er ohnehin schon lange nicht mehr, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Seine Firma, mit der er einst Häuser renovierte und in Customizer-Manier Lebensräume gestaltete, sperrte er deshalb zu.

Ausgefallene Kaffeemaschine vom Starnberger See: Die Idee entstand bei einem Aushilfsjob

Hund Gonzo, ein bald sechs Jahre alter Albino-Boxer, braucht jetzt Aufmerksamkeit. Buchner hievt ihn auf seinen Schoss, knuddelt ihn, während er über seine Prinzipien spricht. Die klare Vorstellung, Motormaschinen zu bauen, reifte in ihm bei einem Aushilfsjob. Auf Anfrage „eines Spezls“ vertrat er in einem Münchner Laden einen Techniker, der Kaffeemaschinen repariert. Der Spezl stieg mit ein. Seitdem verbinden sie das Beste aus dem Harley- und dem italienischen Espresso-Universum.

Die Italiener haben Buchner ausgebildet, sagt er. Um Borrani-Felgen zu besorgen, fuhr er in den 80er-Jahren in den Süden und hatte so manches Erweckungserlebnis. „Da gab es auf einmal einen Latte Macchiato“, erinnert sich Buchner. „In jedem kleinen Nest“ sei der Kaffee mit Hingabe zubereitet worden. Aber der Motormaschinen-Macher hat auch ein Problem mit „den Italienern. Sie machen ihre Maschinen nicht fertig“. Nur ein Beispiel sind für ihn spitze Kanten an gelaserten Löchern. „Das bearbeite ich doch nach. Bei einer teuren Maschine erwarte ich das.“ Den Kopf schüttelt Buchner auch beim Anblick des großen Knopfes auf seiner „Lieblingsmühle. Das geht doch nicht“.

Der Harley-Liebhaber: „Der Deutsche steckt einen Thermostat rein, der Italiener hört der Milch zu“

These: Bei Kaffee, Cappuccino und Co. hat sich in Deutschland ganz schön was getan. Mit Siebträgermaschinen werten immer mehr Leute ihre Haushalte auf. Buchner dazu: „Das ist eine typisch deutsche Entwicklung. Hirn- und herzlos. Alles wird am Preis festgemacht – woher die Bohnen kommen, ist den meisten egal.“ Wenn der 55-Jährige mit seiner Harley unterwegs ist, macht er gerne Zwischenstopps. „Ich bestelle oft Kaffee, ich trinke ihn aber selten aus.“ Schäumt eine Bedienung die Milch zu lange, ist sie bei Buchner schon durchgefallen. Er will mehr Leidenschaft. Dramatische Formulierung: „Der Deutsche steckt einen Thermostat rein, der Italiener hört der Milch zu. Sie singt, wenn sie stirbt.“ 15 bis 18 Sekunden lässt der Possenhofener den Espresso durchlaufen. Denn: „Ab 30 Sekunden haben sich alle Aromen gelöst.“

Die Herstellung seiner Motormaschinen ist – vor allem wegen der Bearbeitung der Einzelteile – ein großer Akt. Und die alten Knuckleheads überhaupt herzubekommen auch. Aber Buchner hat Hoffnung für die Zukunft: „Wir sind an einer Firma dran, die sie für unsere Zwecke herstellen könnte.“

Blickfang: Manfred Buchner mit einem „Motormaschinen“-Prototyp in seiner Werkstatt in Possenhofen

Beitrag des BR Fernsehen, 27. September 2020

Kaffee gefällig? Espresso aus einer Maschine im Kleid eines klassischen Rollers